Literarisch-musikalischer Abend zur Jahrhundertwende 2013

Zu einer Zeitreise von hundert Jahren, an den Anfang des vergangenen Jahrhunderts, waren die Zuhörer des literarisch-musikalischen Abends am Donnerstag, 21.11.2013 in der Aula des Gymnasiums Puchheim eingeladen.

„Jahrhundertwende, pah!“, mochte sich da anfangs so mancher denken, „ wir haben eine Jahrtausendwende mitgemacht!“ Doch musste das Publikum schnell feststellen, dass die Zeit vor 100 Jahren uns gleichzeitig fern und doch in ihrem Lebensgefühl auch sehr nah ist - gerade weil wir die Ängste wie die Hoffnungen, die mit einer solchen Wende verbunden sind, kennen. Vieles können wir nur allzu gut nachfühlen, weil die Grundfragen unserer menschlichen Existenz damals wie heute gestellt werden und das Ringen um die Antwort den Menschen damals wie heute genauso viel abverlangt.

Und so griff die Auswahl an Texten - wie Goethe empfiehlt - „hinein ins volle Menschenleben“ und brachte, gelesen von Valentina Klemt (Q11) und Nicolas Draegert (9a), eine bunte Vielfalt an Ereignissen und Eindrücken in Form von Tagebucheinträgen, Briefausschnitten, Gedichten und Anekdoten zu Gehör: Michael Nestler eröffnete als Ehemaliger das Programm in alter Verbundenheit zur Schule mit einem Kontrabass-Solo von Koussevitzky. Anschließend begleitete das Publikum Bertha Benz und ihre Söhnen auf die erste „Fernreise“ mit einem Automobil von Mannheim zur Oma nach Pforzheim - übrigens heimlich, ohne das Wissen ihres Mannes - und erfuhr, dass die patente Frau die verstopfte Benzinleitung mit ihrer Hutnadel und die streikende Zündung mit einem Strumpfband wieder in Schuss gebracht hat. Scott Joplin’s Ragtime The Entertainer, schwungvoll interpretiert von Hannah Grüner (9a,) nahm den espritvollen Erfindergeist und den Mut zum Abenteuer anschließend in musikalischer Form auf. Weitere amüsanten Ausflügen wurden unternommen, beispielsweise in den Dadaismus und seine sinnig-unsinnige Kunst, vorgetragen als Liebesgedicht An Anna Blume und als Sprechgesang der Happy Voices vom Süßen Tod.

Daneben gab es natürlich auch Ernsthaftes zu betrachten: Der Briefwechsel von Arnold Schönberg, Franz Marc und Wassiliy Kandinsky nach einem Schönberg-Konzertabends in München 1911 gab den Anlass zu einer Bildbetrachtung von Kandinskys Impression III (Konzert) , die das kongeniale Zusammenspiel und die gegenseitige Inspiration der Kunstrichtungen in Wort, Bild und Musik (aus Schönbergs Kleinen Klavierstücken) unmittelbar zum Ausdruck brachte.

Mit sphärischen, sanften und wilden Klängen von Debussy und Schumann - Antonia Graf (Q11), Querflöte, Deborah Schulte (9b), Hannah Grüner (9a) und Dominik Bluhm (Q11), Klavier - wurde die Erfahrung der Orientierungslosigkeit des modernen Menschen hörbar gemacht und mit Rainer Maria Rilke die Frage gestellt: Was macht ein Dichter, wenn er seiner eigenen Sprache nicht mehr vertraut, nicht seinen Worten, ja nicht einmal seinem Denken?

Das wohl einschneidendste Ereignis aber stellte wohl der Krieg dar, der in seinen kontroversen Facetten von der beinahe unwirklichen Aufbruchstimmung der jungen Generation bis zu ihrer tief berührenden Klage über Leid und Tod auf den Schlachtfeldern in Worten und Tönen beschrieben und vertont zu Gehör gebracht und von Victor Shen (9d) mit einem Poulenc-Prestos am Klavier untermalt wurde.

Zum Abschluss gab es Heiter-Besinnlich- bis Unsinniges von Joachim Ringelnatz und Christian Morgenstern aus der Münchner Moderne in Schwabing zusammen mit Katharina Neumaiers (7b) Czarsdas und Bruno Beils (9b) Take five und Cantaloupe Island.

Natürlich konnten an diesem Abend nur einzelne Schlaglichter geworfen werden, dies aber in der Hoffnung, dass sich schließlich doch so etwas wie ein Gesamteindruck ergeben hat, der dem Lebensgefühl vor hundert Jahre zumindest nahe kommt.

Und was den Texten vielleicht nicht gelungen sein mag, hat ganz sicher die Musik erreicht, die zwar zeitgebunden in ihren Formen, aber auch zeitlos in ihrer Wirkung ist und oft sowieso mehr sagt als Worte. So wurde den Zuhörern einiges abverlangt an diesem Abend: Sie sollten aufmerksam sein und sich gut unterhalten, die Distanz spüren und sie überbrücken, auf kleine Details achten und den großen Bogen nicht aus den Augen verlieren - man konnte es aber auch einfach nur genießen.

Mit herzlichem Dank an alle Mitwirkenden

Sigrid Müller und Ilonka Forster

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