Geschichte des Ortes Puchheim
Im Rahmen des 50-jährigen Jubiläums des Gymnasiums Puchheim widmete sich unser Geschichtslehrer Alexander Rotter einer umfangreichen Archivrecherche, um vertiefte Einblicke in die Geschichte des Ortes und des gesamten Geländes zu gewinnen, auf dem das Gymnasium errichtet wurde. Die Ergebnisse dieser Arbeit werden sowohl im nachfolgenden Artikel dargestellt als auch in einer Ausstellung im Schulgebäude präsentiert. Hier wird durch zahlreiche Exponate und Infotafeln Geschichte erfahrbar gemacht.
Von dröhnenden Motoren und Gefangenenchören
Flugfeld und Kriegsgefangenenlager Puchheim
Berlin, 2024: Die Tonabnehmernadel streicht mäandernd durch die Rillen, knacksend, rauschend. Dann eine klare Männerstimme, singend, kräftig und betont, die nach kurzer Zeit durch einen Chor Unterstützung findet. Das Ganze auf Russisch aus dem Jahr 1917, knapp 2 Minuten lang. Wir hören die Stimmen der Gefangenen im Kriegsgefangenenlager Puchheim, gebannt auf Edinsonsche Wachswalzen, die im Lautarchiv im neuen Humboldforum zu Berlin lagern. Ein einzigartiger Schatz, der an die bewegte Geschichte des Fleckchens Erde erinnert, auf welchem das Gymnasium Puchheim 1977 seine Heimat fand. Die knapp 200 Tondokumente zählen zu den bedeutendsten Relikten einer kurzen, aber sehr bewegten Geschichte unseres Viertels in Puchheim Bahnhof.
Knapp über 10 Jahre prägten Menschen verschiedenster Couleur und Provenienz das Gebiet rund um die heutigen „Bürgermeister-Straßen“ sowie des Schulzentrums. Von 1909 bis 1920 bevölkerten Tüftler, Ingenieure, Piloten, Neugierige und Zuschauermassen auf dem Flugfeld Puchheim sowie Soldaten, Wachmannschaften und zehntausende meist russische und französische Kriegsgefangene das noch recht sumpfige Gelände. Es lohnt sich, einen Blick auf diese Jahre zu werfen.
Das erste Flugfeld Bayerns – Schlaglichter
Puchheim/München 1909: Der Traum vom Fliegen nimmt Gestalt an. Sechs Jahre nach den ersten motorisierten Flügen der Gebrüder Wright berichtet das Berliner Tagblatt von der Gründung „einer Akademie für Aviatik“ mit 32 Mitgliedern in München, deren Aufgabe es sei, ein Terrain für Flugversuche und Entwicklung der Fliegerei zu finden. Das war Anfang 1910 gefunden: günstiges, da unkultiviertes, aber brauchbares freies Feld nahe des Bahnhofs Puchheim, auf dem nur ein halbes Jahr nach Eröffnung des Berliner Flugfeldes Johannisthal Bayerns erstes Flugfeld errichtet wurde. Die Württembergische Zeitung berichtet im Februar von „225 Tagwerken“ (ca. 76 Hektar) Land, auf welchem schon sechs „Fliegerschuppen“ errichtet worden seien.
Puchheim/München/1910: Am 19. September blicken tausende von Augenpaaren erstaunt zum Himmel, die kurz zuvor noch in ihre Maßkrüge versenkt waren. Ein Farman-Doppeldecker nähert sich dem Jubiläumsoktoberfest, dreht seine Runde, wendet und fliegt wieder zurück – nach Puchheim. Am Steuer sitzt der Pilot Otto Lindpaintner, der Stiefsohn des Malerfürsten Franz von Stuck. Ein „Herrenfahrer“ also, der einen Überlandflug wagt. 10 Tage später versucht ein anderer Pilot dieselbe Strecke: Gustav Otto, Sohn des Erfinders des Ottomotors, Inhaber des Pilotenscheins Nr. 24 sowie Mitbegründer der Akademie für Aviatik, scheitert aber an ungünstigen Winden und muss bei Aubing landen. Gerade er, der Tüftler und Ingenieur, der mit seinen „Flugmaschinenwerken“ und einer Flugschule in Puchheim sowie am Oberwiesenfeld in München die motorisierte Fliegerei maßgeblich voranbrachte. Höhenflüge und wirtschaftliche sowie persönliche Sturzflüge begleiteten sein Leben. Zwar brachte er es mit seinen Flugmaschinen zu Erfolg und großer Anerkennung, letztlich jedoch musste er Konkurs anmelden. Die Konkursmasse der Gustav Otto Flugmaschinenwerke fusionierte mit den Rapp Motorenwerken GmbH zur Bayerischen Flugzeugwerke AG. 1917 entstand daraus kein geringeres Unternehmen als BMW. In Puchheim erinnert leider nichts mehr an die Vorgeschichte von BMW, das blau-weiße Emblem eines sich drehenden Propellers jedoch macht die Ursprünge der weltweit agierenden Marke noch heute sichtbar.
Puchheim/Berlin 1911: am 26. Juni um 18:20 startet in Puchheim ein Rekordflug. Der Ingenieur und Pilot Hellmuth Hirth hat den „Kathreiner Preis München – Berlin“ angenommen. Es gewinnt derjenige deutsche Pilot 50000 Mark, der „als erster die Strecke München – Berlin durch die Luft zurücklegt“. Dass die Fliegerei auch ein hochpolitisches Momentum hatte, beweisen die Teilnahmebedingungen: Ausgenommen vom Bambus für den Flugzeugrahmen dürfen nur deutsche Maschinen von deutschen Piloten geflogen werden. Man wollte unbedingt die französische Suprematie in der Fliegerei brechen. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten auf dem eher „verwahrlosten“ Puchheimer Gelände und einer Notlandung erreichte Hirth mit seiner Begleitung Dierlamm am 30. Juni das Flugfeld Johannisthal in Berlin. Die Gesamtflugzeit betrug ca. 5 ½ Stunden – eine Sensation. Noch im gleichen Jahr gelangte die Maschine, eine Rumpler Taube, in das Deutsche Museum, wo sie noch heute beheimatet ist.
Trotz Massenandrangs und Beachtung in der internationalen Presse stand die Finanzierung des Flugfeldes stets auf tönernen Füßen, zudem lief das Oberwiesenfeld in München dem Flugfeld Puchheim allmählich den Rang ab. Gustav Otto, der Flugpionier mit seinen Flugmaschinenwerken am heutigen Stammsitz der BMW, blieb Puchheim mit seiner Flugschule treu, in der unter anderem auch Kampfpiloten wie Udet des sich anbahnenden Weltenbrandes ausgebildet wurden. Der Traum vom Fliegen entwickelte sich sehr schnell zum Albtraum. Mit Beginn des 1. Weltkriegs 1914 endet die kurze, aber beeindruckende Geschichte des Flugfeldes, auf welchem heute unser Schulgebäude steht.
Das Kriegsgefangenenlager in Puchheim
Zeugnisse
Ivan Radosch war vermutlich 1914/15 Kriegsgefangener im Lager Puchheim, gehörte also zu den russischen Soldaten, die auf deutschem Boden inhaftiert waren. Das Lager Puchheim, eines der größten im 1. Weltkrieg in Bayern, wurde auf dem ehemaligen Flugfeld errichtet, nachdem das Gelände dem Staat veräußert wurde. Eine Win-Win-Situation: die Akademie für Aviatik konnte ihre klammen Kassen aufbessern, das bayerische Königreich erhielt ein Gelände mit grundlegender Infrastruktur sowie Gebäuden wie ehemalige Fliegerschuppen oder der ehemaligen Restauration, die schnell zu Unterkünften oder zur Kantine für das Wachpersonal, dem „Puchheimer Glaspalast“, umfunktioniert werden konnten. Ivan Radosch hinterließ uns ein Zeugnis, das im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg ausgestellt ist: ein aufwändig geschnitztes Mobile aus 16 Vögeln – passend zur Vorgeschichte des Ortes. Aber auch ein geschnitzter Serviettenring, Lagergeld, Bierkrüge der Wachmannschaften und weltweit verstreute Postkarten sind Zeugnisse des Geschehens im Lager Puchheim, in welchem laut Inspektionsberichten die Behandlung der Gefangenen zumindest weitgehend angemessen war. So heißt es im Bericht der dänisch-russischen Kommission 1915, dass „das Lager in allen Beziehungen lobenswert ist. Die Barackenfenster sind zwar etwas klein und die Räume infolgedessen dunkel, aber es ist (…) für genügend frische Luft gesorgt. (…) Die gewöhnlichen Klagen über ungenügende Nahrung verlauten auch hier, aber hier hat jedenfalls der Mann, der Geld hat, die Möglichkeit, sich weitere 200 g Brot zu kaufen.“ Oder Postkarten vom ehemaligen Flugfeld, die dann in die Heimat versendet wurden. Das nötige Kleingeld dazu verdienten die Gefangenen durch ihre Trockenlegungsarbeiten im Puchheimer Moos, Begradigung und Drainierung zum Beispiel des Gröbenbachs, als Arbeiter in der Landwirtschaft oder auf der Planie der Hausmullverwertungs-GmbH am Bahnhof Puchheim.
„Die ganze Welt im Kasten“ – Die Stimmen der Gefangenen
Ob Ivan Radoschs Stimme wie so viele andere auf einer Edison Wachswalze gebannt worden ist, wissen wir nicht, da im Lautarchiv auch Verluste zu verzeichnen sind. Von den Sprechern und Sängern der noch existierenden Tonaufnahmen aus dem Jahr 1917 kennen wir jedoch die Namen, alles wurde registriert und katalogisiert. Diese einzigartigen Tondokumente sind untrennbar mit dem Namen Wilhelm Doegen verbunden, einem Linguisten und Lehrer für Englisch, Französisch und Deutsch, der es sich zur Aufgabe machte, Tonaufnahmen für das Sprachenlernen zu Hilfe zu nehmen. Ein für zumindest damalige Verhältnisse revolutionärer Ansatz. Mit seinen „Lautplatten“ hatte Doegen großen Erfolg, was ihn dazu motivierte, ein „Stimmenmuseum“ aufzubauen. Hier kamen die Kriegsgefangenen aus aller Herren Länder gerade recht, auch diejenigen in Puchheim. Nach Gründung der “Königlich Preußischen Phonographischen Kommission” im Jahr 1915 machten sich Doegen und andere Mitglieder der geheim gehaltenen Sache mit modernstem Gerät auf den Weg in die Kriegsgefangenenlager, um die Stimmen der Welt festzuhalten. So trafen Doegen und sein Kollege Jakobssohn im Januar 1917 sowie Juni 1918 in Puchheim ein und ließen Russen, Franzosen, Tataren, Ukrainer und Gefangene anderer Nationen und Sprachen in den Trichter sprechen oder singen. Von einfachen Zahlen über Märchen oder Fabeln bis hin zu melancholischen Liebesliedern und emotionalen Chören ist alles vertreten. Dass es dabei seitens Doegen zu stereotypen ethnischen Klassifizierungen kam, sei nicht verschwiegen. „Zigeuner taten es nicht unter Wein oder Bier und Geld. (…) Die rassigen (…) und zum Teil intelligenten Serben, die nationalstolzen Rumänen, die mit allem möglichen Balkanblut vermischt schienen, gaben ihr Bestes in Sprache und schwermütigen, oft eintönigem Gesang und Musik“, heißt es in Doegens Bericht über seine Tätigkeiten. Verschiedene glückliche Zufälle sorgten dafür, dass die Aufnahmen nicht in alle Winde zerstreut oder im Bombenhagel des 2. Weltkriegs vernichtet wurden. So können wir noch heute, mehr als 100 Jahre später, nicht nur die Gesichter vieler Gefangener auf Fotografien sehen oder ihre Postkarten lesen, sondern auch ihre Stimmen hören, die uns berühren und noch neugieriger machen auf die Geschichte unseres Schulgeländes und seiner näheren Umgebung.
Alexander Rotter
Bildunterschriften:
1: Akademie für Aviatik, Postkarte 1910 (A. Rotter)
2: Akademie für Aviatik, Fliegerschuppen Gustav Otto mit Bléroit-Maschine 1910 (Kees Kort Collection)
3: Zigarrenwerbung, Doppeldecker Gustav Otto (A. Rotter)
4: Werbeannonce Flugmaschinen Gustav Otto (Münchener Neueste Nachrichten 1911)
5: Wachmann vor dem Haupteingang (Postkarte)
6: Personalisierter Bierkrug Bewachungskompagnie Kriegsgefangenenlager Puchheim (A. Rotter)
7: Mobile eines russischen Kriegsgefangenen ca. 1914/15 (A. Rotter)
8: Gefangene Afrikaner und jüngster Russe. Postkarte Kriegsgefangenenlager (A. Rotter)
9: Tataren bei der Aufnahme (aus: Bericht W. Doegen)
